Stettler, Michael (1913-2003)

Michael Stettler, 1.1.1913 Bern - 18.6.2003 Steffisburg. Museumsdirektor, Schriftsteller. Dipl. Arch. ETH. Dr.sc.techn. ETH. Museumsdirektor. Präsident Pro Helvetia. Präsident Gottfried-Keller-Stiftung. Ehrendoktor Univ. Fribourg 1973. Ehrendoktor Univ. Bern 1979. Ehrenbürger Steffisburg 1993.


Der Bund, 31.12.1982

Ein Leben im Dienste der Kunst
Michael Stettler zum 70. Geburtstag

Am 1. Januar 1983 tritt Michael Stettler in ein neues Jahrzehnt ein. Gehört er jetzt wirklich zu jener weisen Klasse, zum «Rat der Alten», um auf den Titel eines seiner vielen Bücher anzuspielen?

Die Laufbahn des Architekten, Architekturforschers und ersten Kunstdenkmälerinventarisators im Aargau sowie seine Tätigkeiten als Direktor des Historischen Museums in Bern und Gestalter der Abegg-Stiftung in Riggisberg sind in Fachblättern bereits nachgezeichnet, seine Aemter im Dienste der Schweiz (Pro Helvetia, Nationalfonds, Gottfried-Keller-Stiftung) dankbar und anerkennend aufgeführt worden. Ehrungen und Preise folgten. Sie haben, zur richtigen Stunde gesprochen, bewiesen, dass Michael Stettler in den Zündungsbereichen seiner Leistungen und nicht im verlegen-abgekühlten Nachhinein, angesichts der Dauerwirkung, erkannt worden ist.

Trotz beträchtlichen Anstrengungen, welche die Loyalität gegenüber der Aufgabe erheischt und trotz fachlicher Beanspruchung durch ebenso hellsichtige wie fordernde Zeitgenossen hat sich Michael Stettler mit bewundernswürdiger Eleganz seiner inneren Haut zu wehren verstanden. Dank glänzender Organisation des Tageslaufs und eiserner Disziplin am Einsatzort oder am Schreibtisch vermochte er sich einen Freiraum zu erhalten, der seiner Familie und den Freunden zukommt. Er ist immer, wie vereinbart, zur Stelle, entspannt, vergnügt, offenen Ohrs für neuen Bericht.

Seine beneidenswerte Schaffenskraft erschöpfte sich während der «offiziellen» Jahre nicht in hermetischer Fachsimpelei, sein Tun war allen verständlich; er legte Rechenschaft ab und spielte mit aufgedeckten Karten. Seine Architekturforschungen in Rom öffneten ihm die Augen für ganz Italien, die Museumsarbeit führte ihn nicht in die Zwangslage der Spezialisierung, sondern zur Ueberschau. Michael Stettlers Misstrauen gilt noch stets falsch verstandener «Wissenschaftlichkeit». Seine Bedenken angesichts von Arbeiten, die den ganzen Forschungsgrund «zugewalzt haben, so dass kein Gräsiein mehr darauf spriessen kann», bleiben wohl vielen als Memento in der Erinnerung haften.

Als Dichter und Schriftsteller ist ihm die Analyse des eigenen Tuns zuwider. Grosse Vorbilder gibt es zwar; sie sind lebendig und Laren gleich gegenwärtig, aber nicht im Sinne eines «germanistischen Seminars». Zur Literatur hat er sich dementsprechend wenig geäussert, überzeugt davon, dass man nicht im gleichen Medium, das heisst mit Sprache über Sprache, reden oder schreiben kann. Das kommt ihm vor, «wie wenn ein Tausendfüssler sich Gedanken über die Gelenke seiner Beine machen wollte».

Michael Stettler bleibt der Gestalter seiner eigenen Welt, federführend, zeichnend, von optischen Eindrücken geleitet; beispielsweise als literarischer Porträtist. Im Dialog erprobt und prüft er seine Ausdrucksmöglichkeiten. Dabei kennt er die Befreiung durch Selbstironie. Suspekt sind ihm nur jene Zeitgenossen, «die sich nicht selber sehen». Von Widersachern haben wir nie gehört; vielleicht wurde einer einmal «etwas schwierig».

Die Zuneigung gilt den Alten und den Jungen. Er hat vielfach lottohaft auf die Jüngeren gesetzt, er wusste zu «delegieren»; Gewinner waren stets alle Beteiligten. Seine Liebe umfasst ebenso die Jüngsten. Kinderkult? Ja, Kinder als gültiger Gottesbeweis. Nur einem eingefleischten Berner konnte dabei auch dies in den Sinn kommen: «Ich verstehe, dass es Chindlifrässer gab.»

Metaphern, Anspielungen, Zitate und aphoristische Schlaglichter, eingebettet in ein universales Wissen und einer treffsicheren Darstellungsgabe entsprungen, haben Königinnen entzückt und Grossen des Augenblicks eine schweizerische Spielart offenbart, die in kein geläufiges Schema passt.

Michael Stettler verfügt aber intuitiv über mehrere genera dicendi. Den richtigen Ton findend, kommt er mit dem aufsässigen Bahnschaffner trotzdem ins Gespräch; und der Schenkwirt am Tiber fügte der überreichten Rechnung bei: «Grazie per la conversazione.» Mögen uns noch viele Gelegenheiten zu solchem Dank gegeben werden.

Florens Deuchler

 

Bücher von / über Michael Stettler im Comenius-Antiquariat

Links

http://www.stub.unibe.ch/extern/hv/4_04/nachrstettler.pdf





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